Ich weiß nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass wir hier durchaus eine Versammlung von recht privilegierten Leuten sind. Schließlich haben wir - nach dem Altersdurchschnitt zu urteilen - fast alle die Jahrtausendwende erlebt. So etwas widerfährt Menschen nur - Sie ahnen es - alle 1000 Jahre und wir sind dabei gewesen. Jesus kann das nicht von sich sagen, nie hätte er gedacht, zum Begründer einer neuen Zeitrechnung zu werden, er war vielmehr der Prophet des Endes aller Zeiten: Eines nachgesellschaftlichen Zustandes also, in dem niemand mehr irgend etwas zählen würde, weder Geld noch die Zeit.
Erstaunlich genug befürchtete vor 26 Jahren fast niemand die Wiederkehr Christi mitsamt des Jüngsten Tages, obgleich es durchaus apokalyptische Befürchtungen gab, wie wir uns erinnern. Computer speicherten Jahreszahlen damals der Einfachheit halber nur zweistellig, insofern war es nicht unwahrscheinlich, dass der Wechsel von 99 auf 00 Chaos auslösen würde. Würden die Strom- und Kommunikationsnetze ausfallen, würden die Flugzeuge vom Himmel stürzen und die Börse zusammenbrechen? Bezeichnend war: Hinter all diesen Bildern einer veritablen Apokalypse vermutete niemand einen extraterrestrischen Urheber, am voraussichtlichen Zusammenbruch der Datennetzwerke konnte nur einer die Schuld tragen: wir selber. Das war der sogenannte „Millennium-Bug“ (Y2K-Problem). Das Ergebnis ist bekannt: Alles ging gut. Der Vorgeschmack der Apokalypse, des neuen Jahrtausends also, ließ noch ein Jahr auf sich warten: bis zum 11. September 2001.
Stand nicht zu befürchten, dass Jesus Christus spätestens jetzt zurückkehren und die sündige Welt endlich richten würde? Dabei war sie schon gestraft genug, denn das Frühmittelalter war eine Zeit des Verfalls, man lebte in den Ruinen der antiken Hochkultur und alle menschlichen Angelegenheiten kannten vor allem eine Bewegungsrichtung: abwärts. Die Kunst der Zeit zeigte vor allem eine Figur: Hiob, den von Gott Gestraften, den Dulder, der den Tag seiner Geburt verfluchte und nichts tun konnte, sein Los zu wenden. Hören wir Hiob: "Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, / die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen. ... Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, / kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?"1 Und so geht das weiter. Da ist nichts mehr übrig von der guten Schöpfung des Anfangs, es ist ein gleichsam ein Widerruf der Schöpfung durch das Geschöpf. Das ist unerhört. Immerhin antwortet Gott schließlich, was den wenigsten widerfährt, allerdings ist es mehr oder weniger Hohn auf Hiobs' Vorwitz sich zu beklagen. Kein Trost also.
Es mag sein, dass im Lauf der Jahrhunderte das apokalyptische Bewusstsein der frühen Christen abgeflacht war, aber das änderte sich spätestens mit Beatus' Kommentar der Apokalypse des Johannes. Der Mönch schrieb ihn um 780 geschrieben in einem Kloster bei Santander, die Abschriften mehrten sich und zirkulierten, man begriff, dass die Lage ernst war. Und wer möchte schon als gläubiger Christ im Jahr 999 leben? Das klingt nun wirklich apokalyptisch. Und ausgerechnet in diesem Jahr wurde ein sehr gebildeter Mann Papst: Silvester II., vordem Gerbert von Aurillac. Er fürchtete sich sehr. Und da half es wohl auch nicht viel, wenn er auf das Bildnis des Gekreuzigten schaute, denn dieser Jesus war keineswegs der Schmerzensmann am Kreuz, den wir heute kennen. Es war der Pantokrator, der Allherrscher, der Weltenrichter. Wer so schaut wie der Pantokrator hat nur eines im Sinn: wiederkommen und richten.
Wie allgemein die Furcht vor dem Jahr 1000 war, ist schwer zu sagen. Die absolute Mehrzahl der Europäer waren Bauern, und Bauern wussten noch nie, wie spät es ist. Fassen wir zusammen, was ohnehin jeder weiß: Das Jahr 1000 kam wohl so sanftmütig wie das Jahr 2000 und so verging es auch wieder. Die Christenheit atmete auf.
Dabei, könnten Übelmeinende sagen, kommt die Existenz des Christentums noch tausend Jahre, und nun erst zweitausend Jahre nach seinem Beginn durchaus seiner Widerlegung gleich. Denn was war es denn im Anfang? Die Gewissheit, dass der Erlöser gleich wiederkommen wird und das Ende aller Tage schon angebrochen ist. Das Urchristentum war eine ungeheure Wartegemeinschaft. Aber jeder kennt das, solche Zeit- und Weltenthobenheiten währen nicht ewig.
Das sind zwei vollkommen verschiedene Temperamente. Die Wartegemeinschaft wird auf der einen Seite zur Wartehalle: Das ist die Kirche. Hier verkehren Leute, die eigentlich schon vergessen haben, dass sie Wartende sind und mit vielem rechnen, bloß nicht mit plötzlichen Widerkünften. Denken Sie an die Großinquisitor-Szene in Dotojewskis "Die Brüder Karamasow": Jesus kehrt auf die Erde zurück, keiner erkennt ihn, aber einer doch, nämlich der Großinquisitor, und der hat nur eine Frage: "Warum bist du gekommen, uns zu stören?"
Prägend für das Mittelalter ist aber nicht nur die Kirche, sondern ebenso das Mönchtum. Wir machen uns gar keinen Begriff mehr davon, wie viele Klöster es gab. Wo eines aus dem Blick geriet, war das nächste schon Sicht. Woher kommt diese organisierte Weltflucht? Das Mönchtum zog in den ersten Jahrhunderten aus dem Ausbleiben Christi eine andere Lehre als die Kirche, und die frühen Wüsteneremiten natürlich noch viel radikaler als das spätere, sagen wir, verbürgerlichte Mönchtum des Abendlands. Sie erkannten: Wenn Christus nicht zu uns kommt, müssen wir ihm wohl entgegengehen, müssen wir selbst christusförmig werden. Sie haben bestimmt schon von den frühen Wüsteneremiten und ihren Askesen gehört.
Der Kirchenvater Hieronymus wird uns bei Gelegenheit Klaras wiederbegegnen, das ist der Mann, der die "Vulgata" übersetzt hat, und auch er hat zuvor Jahre in der Wüste verbracht - und überlebt. Das war nicht unbedingt vorgesehen. Warum die Wüste? Weil die Wüste zwar noch ein Ort in der Welt ist, aber die mit einem Minimum von Welt darin und der Anmutung von Unendlichkeit. Und eben darauf kommt es dem Mönchtum an: Nichts soll mehr sein zwischen Ich und Seele, dem Einfallstor Gottes. Man hat gesagt, im Westen habe dieses Christus-Entgegengehen unter Nicht-Wüstenbedingungen nur einer in aller Konsequenz wiederholt, eben Franz von Assisi. Wir werden das genauer sehen.
Doch kehren wir noch einmal zurück zum Jahr 1000. Der Mönch Rodulfus Glaber bemerkt im Jahr 3 nach der Jahrtausendwende eine enorme Bautätigkeit.2 Überall in Europa würden Kirchen errichtet oder die alten renoviert. Begonnen hatte das schon vorher: Das Querschiff und das Westwerk mit seinen Türmen und Portalen entstanden, aber jetzt brach das los. Mag sein, die europäischen Baumeister wollten sich beim Bauherrn der Welt für sein Ausbleiben bedanken und ihm demonstrieren, dass seine Rückkehr auch weiterhin nicht nötig sei: Man hat gesagt, dass allein in Frankreich von 1050 bis 1350 "einige Millionen Tonnen Stein zum Bau von 80 Kathedralen, 500 großen Kirchen und mehreren zehntausend Pfarrkirchen aus den Bergen" geschlagen wurde. Das stellte selbst den architektonischen Ehrgeiz des alten Ägypten in den Schatten. Lauter Himmelstore entstanden da. Lauter Botschaften aus Stein und Licht nach ganz oben: Kein Grund zur Wiederkehr! Wir denken nur an dich, wir bauen nur für dich, wir kommen klar.

Eher könnte man sagen: Der Mensch ist das Wesen, das sich im Spiegel der äußeren Dinge nicht erkennt. Unter lauter Dingen ist er das Unding schlechthin. Und viele kennen die merkwürdige Wahrnehmung, dass einem manchmal nichts unwirklicher vorkommen kann als die Wirklichkeit. Menschen in Hochkulturen leben fast nie im Glück, oder sagen wir: fast nie in einem Zustand, der sie sich selber und die Welt und die Annahme, dass beide gut zusammenpassen, vorbehaltlos bejahen ließe.
Das muss den Menschen im 12. Jahrhundert geradezu epidemisch geschehen sein. Aber sie spürten doch den Aufwind ihres Zeitalters, der sie auch zu religiösen Aufbrüchen inspirierte. Lauter Hiobs sind das nicht mehr. Nichts könnte falscher sein als zu glauben, Franz von Assisi sei ein singuläres Phänomen. Eher ließe sich von einem ganzen franziskanischen Zeitalter sprechen. Anlass der Bewegungen war nicht zuletzt die enorme Verweltlichung des Klerus.
In Lyon etwa gab es schon ein Menschenalter vor Franziskus einen reichen Tuchhändler, der erkannte, dass er mit all seinen Stoffballen und seiner großen Kasse kaum durch das Nadelöhr passen würde, von dem immerhin drei von vier Evangelien berichten. Wenn sehr wohlhabende Leute von solchen Skrupeln erfasst werden, handelt es sich gemeinhin um vorübergehendes seelisches Unwohlsein, aber dieser Petrus Waldus ließ alles stehen und liegen, verschenkte den größten Teil seines Besitzes an die Armen und wurde Wanderprediger. Die Kirche sah mit wachsender Sorge, wie sich immer mehr Menschen auf ihren ureigenen Heilsweg begaben. Als die junge franziskanische Bruderschaft sich dann auf den Weg nach Norden machte, wobei die meisten davon ausgingen, dass sie dort oben gewiss den Märtyrertod erleiden würden, kamen sie durch Oberitalien und sprachen viel von den unheimlichen lombardischen Ketzern. Das waren u.a. die Humiliaten, die Demütigen also, die auch nicht viel mehr wollten als wie die Jünger Jesu zu leben und zu arbeiten. Was sie nicht vor der erbitterten Feindschaft der Kirche schützte. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Noch war die Papstkirche nicht stark genug, um den Vorwitz der religiösen Laien von vornherein zu unterbinden. In welchem Ausmaß er sich regte, überraschte die Kurie und erschreckte sie zutiefst. Noch lag das Europa der lodernden Scheiterhaufen in der Zukunft, oder sagen wir: Der zündende Funke war schon unterwegs. Denn der ganze Süden Frankreichs schien sein Heil abseits von Rom zu suchen. Und am schlimmsten waren die Katharer, auch Albigenser genannt. Albigenser heißen sie nach einer ihrer Hauptresidenzen, der Stadt Albi. Katharer heißt wörtlich: die Reinen, und bei uns ist das Wort Ketzer schlechthin daraus geworden. Sie dominierten den ganzen Südwesten Frankreichs, das Languedoc, wo Okzitanisch gesprochen wurde, und die Katharer hatten 400 Jahre vor der Reformation schon ihren eigenen Luther, der die Bibel ins Okzitanische übersetzt hatte.
Die Lehre der Katharer war nun wirklich nicht christlich. Für sie war die Vorstellung, Gott hätte einen Sohn, völlig absurd. Ein Bote Gottes sei Jesus gewesen, und zwar nur des einen von zwei Göttern, an den sie glaubten. Es gab den des Lichts und den der Finsternis. Letztere habe die ganze materielle Welt zu verantworten mitsamt der Leiber der Menschen. Denn was ist der Körper? Das Gefängnis des in ihm eingesperrten Seelenfunken, den es zu befreien gelte. Für die Katharer waren Kirchenglocken Trompeten Satans, das Abendmahl Humbug - Fleisch und Blut Christi? Umso schlimmer, umso widerwärtiger: Katharer aßen niemals Fleisch. Und das Kreuz war für sie nichts weiter als das, was es eben war: ein altrömischer Marterpfahl. Dieser Dualismus ist im Grunde viel älter als das Christentum und blieb seine ständige Provokation. Ich breche hier ab, aber es kann nicht falsch sein, eine zeitliche Parallele mitzudenken. Im Jahr 1209, als Franz seine erste, vorläufige Predigterlaubnis vom Papst bekommt, beginnt der grausame Vernichtungskreuzzug gegen die Katharer, erst nach Franz' Tod wird er endgültig gewonnen sein.
Und jetzt haben wir die religiöse Frauenbewegung noch gar nicht erwähnt, die in ganz Europa losbricht, sich bald nicht mehr in die Klöster einsperren lässt und vor allem Nordeuropa überrollt: Die Beginen sind plötzlich fast überall.
Erst jetzt ist die behauptete Menschwerdung Christi wirklich vollendet - vor aller Augen. Und wenn Sie je in Assisi waren, wissen Sie, was gleich darauf geschieht: Giottos Szenen aus dem Leben des Franz kündigen schon ein ganz neues Zeitalter an: den Übergang zur Renaissance mitsamt ihrer rückhaltlosen Bejahung des Menschen.
Das wäre ein gutes Schlusswort, aber ich muss noch eine kurze klimatische Nachbemerkung machen. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass das Hochmittelalter noch wärmer war als die Gegenwart und dabei angenehm feucht. Anders wären die Wikinger nie bis nach Island und Grönland gekommen, in London soll die Malariamücke eine Plage gewesen sein und im Süden Norwegens wurde Wein angebaut. Wein und Bier wurden zu Volksgetränken, und die Franziskaner werden ihre Klöster in ganz Europa bald in die Wein- und die Bierklöster unterscheiden. Zusammenfassend kann man sagen: Europa entstand im Mittelalter, und wenn das Wetter gut ist, kommt der Weltuntergang doch nicht.