In Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" lese ich jene Sätze, die vielleicht erst seit Franz von Assisis welthistorischem Auftritt zu Beginn des 13. Jahrhunderts so geschrieben werden konnten: "Ich bin die Brücke zwischen dem, was ich nicht habe, und dem, was ich nicht will." Innere Freiheit gegen alle Zumutungen des Außen, liegt also zuerst im Mut zur Verneinung, in der Negation des Bestehenden. Im "Ohne mich" bildet sich Autonomie - immer am Rande der Gesellschaft, bei den Verachteten, den Ausgestoßen, den Ausgebeuteten, den Besiegten und Unterworfenen.
Natürlich wechseln dann die Rollen. Wer lange unterdrückt wurde, kommt schließlich nach oben - und verliert im Besitz der Macht schnell jene Tugenden, die ihn einst auszeichneten. Die Geschichte der Kirche ist davon ebenso geprägt wie die der sozialen Bewegungen, vor allem die des Kommunismus.
Für Franz von Assisi ist Geld schmutzig, er vergleicht es sogar mit Kot, es entwertet alles Wertvolle, das wir in uns tragen. Neben dem Geld verachtet Franz von Assisi auch jegliche falsche Befestigung auf Erden mittels Bautätigkeit und Vorratswirtschaft, ebenso jede Art von einer lebendige Erfahrung abtötenden Gelehrsamkeit. Ist er leibfeindlich und bloß aufs Jenseits ausgerichtet? Nein, das nicht, aber ein "cherubinischer Wandersmann" (von dem später Angelus Silesius sprach) unbedingt. Kein flüchtiger Gast auf Erden, aber einer, der noch einen langen Weg vor sich hat. Wohin wird ihn dieser führen?
Erstaunlich immer wieder die Rolle der Ökonomie im Denken Franz von Assisis. Das ist gewiss ein Reflex auf den neuen Reichtum der Städte. Und die Kirche funktioniert bei diesem Ausbau der Ware-Geld-Beziehung als internationale Bank! Denn der Reichtum wirft lange Schatten. Plötzlich ist das Gefälle zwischen den Reichen und den Armen enorm. Es gibt nun Stadtarme, die vom wirtschaftlichen Boom ausgeschlossen sind und um Almosen betteln müssen. Und erst jenseits der Stadtmauern!
Die Bauern waren bislang von der Geldwirtschaft weitgehend ausgeschlossen geblieben, produzierten kaum mehr, als sie selbst zum Leben brauchten. Doch nun müssen all die reichen Städter mitversorgt werden, das verlangt eine Steigerung der Produktivität (auch mittels Dreifelderwirtschaft), neue Geräte (Pflüge!) müssen her, die aber Geld kosten, das man nicht hat. Verarmte Landbevölkerung drängt in die Städte, wo die Einwohnerzahlen rasant anwachsen. Die ganz und gar Besitzlosen aber streifen bettelnd durchs Land, krank und hungernd sind sie schlechter dran als in früheren Zeiten. Und das Schlimmste in den Augen Franz von Assisis: niemand scheint sich dieses Problems anzunehmen, die weltliche wie auch die klerikale Obrigkeit schaut bloß zu wie die inneren Bindungskräfte im Volk verloren gehen.

Als Ende 1181 oder Anfang 1182 geborener Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Pietro Bernadone aus Assisi, der anfangs selbst als Verkäufer im väterlichen Laden arbeitete, weiß Franz um den Wert von Waren, die per Fernhandel über tausende Kilometer herbei geschafft wurden. Er kennt die konstitutive Funktion des Handels für die städtische Gesellschaft genau. Von Geburt ist er ein Angehöriger der neuen urbanen Oberschicht, die ihre Privilegien genießt. Auch als er diesen Besitzdünkel längst hinter sich gelassen hat, gehört dieses Wissen zu den Koordinaten seiner Weltwahrnehmung. Dimitri Mereschkowski, der in den 1920er Jahren die erste Gesamtausgabe Dostojewskis für den Piper Verlag herausgab, nennt in seiner Biographie Franz von Assisis diesen den ersten Kommunisten des modernen Europas. Die zentrale Rolle der Arbeit bei den frühen Franziskanern hat Kajetan Esser dann in mehreren Büchern herausgearbeitet: die Brüder sollten nicht betteln, sondern arbeiten.
Das ist für Franz eine Art geistiger Hygiene, die die Brüder vor dem parasitär-passiven Wesen des alten Mönchtums bewahren soll.
Jedoch mit einer antikapitalistischen Pointe: Die Privatisierung der Früchte dieser Arbeit ist für ihn Diebstahl. Einen seiner Brüder belehrt Franz: "Ich will nicht stehlen, wenn ich aber das, was ich habe, nicht Ärmeren gäbe, wäre ich ein Dieb." Da verbindet sich religiöses mit sozialem Bewusstsein, so wie im 20. Jahrhundert in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie des Franziskaners Leonardo Boff. Das klingt bei Franz von Assisi schon sehr nach Stirners Diktum: "Eigentum ist Diebstahl." Jacques Le Goff dokumentiert in seiner Biographie Franz von Assisis den plötzlichen Produktivitätsschub in der Wirtschaft des 12. Jahrhunderts. Plötzlich ist da in den Städten ein Überfluss, der für Luxusgüter (wertvolle Stoffe etwa), auch für Kunstgegenstände ausgegeben wird. Reich gewordene Bürger, so Le Goff, würden nun teure Bücher und Bilder kaufen, oder wertvolles Geschirr und Schmuck. Ein neuer Markt - jenseits der traditionellen feudalen Eliten - entsteht.
Auch die Rolle des Intellektuellen verändert sich im Schutzraum der selbstbewussten Städte. Le Goff notiert in "Die Intellektuellen im Mittelalter": "Neues zu schaffen, neue Menschen zu sein, dieses Gefühl erfüllt die Intellektuellen des 12. Jahrhunderts." Und Franz von Assisi, der mitten in dieser Aufsteiger-Szenerie aufwächst, wird zum Aussteiger, zum Verweigerer dieses Privilegs, jedoch ohne das Bild vom neuen Menschen dabei aus dem Blick zu verlieren. Der "neue Mensch" bleibt für ihn der arme und machtlose Jesus, ihm gilt es zu folgen gegen die herrschende Elite der Zeit, die sich bloß auf äußere Dinge stützt.
Insofern ist Franz von Assisi ein Anti-Intellektueller, der gegen den herrschenden Geist seiner Zeit - und ihre Legitimationstheoretiker - polemisiert. Verbrennt die Bibliotheken! In Büchern, so dieser Urvater Jean-Jacques Rousseaus, findet man keine Weisheit. Wider die Theologen, die für ihn so etwas wie die Advokaten Gottes sind. Sie drehen und wenden die einfachen Tatsachen so lange, bis niemand sie mehr versteht! Von Franz selbst heißt es, er habe die Bibel immer nur wahllos auf der Suche nach einem passenden Spruch aufgeschlagen, sei an theologischer Unterweisung nicht nur nicht interessiert gewesen, sondern hielt sie gar für gottlos.
Für die Brüder der Anfangszeit sind dies existenzielle Fragen. Dürfen sie für den Winter Vorräte an Olivenöl und Mehl anlegen? Nein. Franz verbietet es mit Hinweis auf die Bibelstelle Matthäus 6,26: "Seht, die Vögel unter dem Himmel, sagt Jesus, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater ernährt sie doch."
Gebäude aus Stein zu bauen, untersagt er ebenso wie mit Ziegeln gedeckte Dächer. Diese soll er eigenhändig wieder abgerissen haben, als er sie entdeckte. Von Klöstern ist keine Rede, von Mönchen auch nicht, die Brüder der Anfangsjahre suchen sich schlichte Behausungen, ein zugiger Stall tut es auch. Denn sie haben eine Mission auf Erden und die lautet eben nicht Macht und Geld zu gewinnen - sondern im Gegenteil: Stroh muss genügen!
Es scheint als bestünde die religiöse Sendung Franz von Assisis vor allem darin, zu zeigen, mit wie wenig ein Christenmensch leben kann. Jeder Privatbesitz ist verboten - so das Kommune-Gebot der ersten Stunde. Franz folgt Jesus in aller Armut nach. Er versteht sich als sein Troubadour. Er kann beten und büßen, aber auch singen und tanzen und ist eine Art früher "Performer". Er bringt den aus der Gesellschaft Ausgestoßenen die Botschaft, dass auch sie Gottes Kinder sind. Sie vor allem!
"Pace et bene" - Frieden und Freude - ist um 1200 der Ruf der "Armen Christi", die Stimme der Volksfrömmigkeit, die in ihrer Alltagssprache und nicht im Latein der Kleriker von den Evangelien, von Jesus hören wollen. Seit Papst Urban II. 1095 zum Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen aufrief, vollzieht sich diese Militarisierung des Glaubens bereits. Bekehrung oder Ausrottung!, lautet der Schlachtruf des imperialen Papsttums im 12. und 13. Jahrhundert.
Um das heute Abend schon ganz deutlich zu sagen: die römische Kirche ruft zu immer neuen Kreuzzügen auf. Insgesamt gab es neun große Kreuzzüge zwischen 1099 und 1291 um das Heilige Land zu erobern - was letztlich scheiterte und bloß Tod und Zerstörung brachte. Es geht also um brutale Machtpolitik im Name Christi. In zwei Richtungen: Nicht nur Jerusalem soll von den Moslems zurückerobert werden, es sollen auch die immer stärker werdenden christlichen Ketzerbewegungen, in denen sich die Gläubigen von der Autorität der römischen Kirche lossagen, vernichtet werden. Das betrifft vor allem die Katharer (oder Albigenser), die in Südfrankreich um Albi herum die römische Kirche bereits völlig abgelöst haben, mit eigenen Priestern und Bischöfen - und einer neuen, aus der Laienfrömmigkeit kommenden Vision des geschwisterlichen Zusammenlebens.
Der Albingenserkreuzzug fällt genau in die Zeit da Franz von Assisi seine Idee der Minderbrüder innerhalb der Kirche realisieren darf - immer unter Vorbehalt, da es lange Zeit nur eine mündliche Erlaubnis des Papstes gibt, die jederzeit widerrufen werden kann. 1209 beginnt der Albigenserkreuzzug und 1229, ein Jahr nach der Heiligsprechung Franz von Assisis, werden die letzten Festungen der Kathararer (Albigenser) erobert und die Gläubigen massakriert.
der Kinderkreuzzug, den Innozenz III. ausruft. Er ist begeistert vom Glaubensfanatismus dieser aufgehetzten Kinder und ruft: "Die Kinder machen uns zuschanden; indem wir schlafen, ziehen sie munter aus, das Heilige Land zu gewinnen!" Die Kindersoldaten sterben aber dann nicht den Opfertod im Namen des Herrn, sie werden von skrupellosen Geschäftemachern direkt in die Sklaverei verkauft.
Franz von Assisi kennt den Krieg bereits zur Genüge. In Stadtkrieg der Oberstadt gegen die Unterstadt von Assisi kämpfte er bereits als Jugendlicher, tat sich dabei hervor, im Krieg von Assisi gegen Perugia (ganz Italien ist durch die deutsche Besatzung in Aufruhr) wird er gefangen genommen und überlebt ein Jahr in den Kerkern von Perugia nur mit Glück. Zwischen 1212 und 1219 unternimmt er drei Reisen in den Orient zum Kreuzfahrerheer, die für ihn heilsame Erschütterungen sind - auch er ist ein Kind seiner Zeit und trägt den Gedanken an den Märtyrertod in sich - aber das Schlachtfeld von Damiette und die Begegnung mit Sultan Melek al Kamil von Ägypten, einem Neffen Saladins, die ist historisch verbürgt, wenn auch von Legenden umrankt, lässt ihn umdenken. Sein Gegenüber ist ein kultivierter freundlicher Mensch, der nicht zum Christentum bekehrt werden, sondern seinem Glauben treu bleiben will. Franz begreift, Verständigung ist möglich und jeder Frieden und sei er noch so unzulänglich, ist besser als ein endloser Krieg, der sinnlose Opfer fordert - und dabei immer die Unschuldigen zuerst trifft.
Sie beginnen ihn nun mundtot zu machen, einem Satz von Heiner Müller entsprechend, der in seiner Bearbeitung von Sophokles "Philoktet" diesen hinterrücks ermorden lässt, statt ihn wie noch bei Sophokles per Götterbefehl von Lemnos zurück nach Troja zu schicken, um den Sieg zu erringen. Die Qintessenz Müllers lautet lapidar: der tote Held tuts auch.
Genauso, scheint mir, ging die Kirche am Ende - nach 1221 - mit Franz von Assisi um, der sich auf den Monte Alverno zurückzog, wo er seine letzten Lebensjahre schwer krank und tief deprimiert wie ein Gefangener lebte und einen qualvollen Tod starb, der Symptome einer Vergiftung zeigte.
Als er gestorben ist, schreibt sein Widersacher im Orden, Bruder Elias, ein Machtmensch und Manipulator vor dem Herren, in einem Rundbrief an alle Ordensprovinzen, er habe die große Freunde ein Wunder zu verkünden: nicht lange vor seinem Tod habe Franz die Wundmale Christi, die Stigmata ausgebildet. Außer Elias hat diese aber niemand gesehen. Er schreibt: "Die fünf Wunden, die wirklich Wundmale Christi sind, trug er an seinem Leib. Seine Hände und Füße trugen nämlich die Einstiche der Nägel und waren von beiden Seiten durchbohrt. Seine Seite aber erschien mit einer Lanze geöffnet und er schwitzte oft Blut aus."
Da werden sofort jene Wunder in die Welt gesetzt, die Voraussetzung zur Heiligsprechung sind. Franz der Wundertäter, nicht der Reformgeist wider die Veräußerlichung des Glaubens?
Hermann Hesse, der als junger Autor eine kleine Monographie über Franz von Assisi schrieb (und dann gleich noch eine über Boccaccio) erklärt dazu in einem Brief an einen Katholiken aus dem Mai 1961, der ihn nach einer Meinung fragt: "Ich bin nicht Katholik und auch kein guter Christ, wenn ich auch trotzdem fromm bin.
Da Sie gläubiger Katholik sind, bin ich aber der Meinung, Sie sollten sich nichts rauben lassen, was ihren Glauben und Halt im Leben stärken kann. Bleiben sie dabei! Jeder, der an einen Sinn im Leben und an die hohe Bestimmung des Menschen glaubt, ist im heutigen Chaos wertvoll, einerlei zu welcher Konfession er gehört und an welche Zeichen er glaubt." Das ist ebenso im Geiste Franz von Assisis wie von Lessings "Ringparabel" gesprochen.
Woher kommt die Faszination, die magische Wirkung, die Strahlkraft seines welthistorischen Auftritts? (Nur in heimischen Assisi meinte man lange Zeit es mit dem idiotischen Sohn des Tuchhändlers Bernadone zu tun zu haben, der alles, was man zum gutem, also komfortablen und leichten Leben braucht - und was er hatte - von sich warf, als wäre es nichts.)
Einer seiner ersten Gefolgsleute Bruder Masseo trat einmal auf ihn zu: "Ich frage, warum alle Welt dir nachläuft, warum jedermann dich sehen will und auf dich horchen und dir gehorchen. Du bist kein schöner Mann; du bist nicht sehr gelehrt, du bist nicht edel. Was ist es denn, dass alle Welt dir nachläuft?" Nicht schön ist ein Euphemismus, Franz von Assisi galt den meisten, die ihn kannten, als ausgesprochen hässlich, klein und schwarzhaarig habe er einer Krähe geähnelt, seine Stimme war ebenfalls alles andere als angenehm. Seine Wirkung resultiert aus einem starken Dennoch.
Das berührt das Mysterium der Erwählung. Es ist dieser und nicht jener, um den man sich schart - es bleibt ein Geheimnis und ist durch rationale Gründe nicht erklärbar. Vermutlich entlädt sich da eine Energie, die ihm selbst nicht bewusst ist, die ihn heraushebt aus der Masse. Franz von Assisi hat etwas von der Ausschließlichkeit des Verrückten, ohne verrückt zu sein. Er gibt ein Beispiel, dem viele folgen wollen. Die Aura: Vielleicht weiß gerade dieser Unscheinbare etwas, was wir nicht wissen und darum lohnt es sich, in seiner Nähe zu bleiben. Ich sage nicht: ihm zu folgen. Denn sein ganzer Gestus widersprach dem Gefolgschaftsdenken. Er hatte wohl etwas von Friedrich Nietzsche, dem Philosophen, der bekanntlich im Wahnsinn versank, wobei er doch immer wieder mit hellen Momenten überraschte. Von ihm stammt der Ausspruch: Folge nicht mir, folge dir nach! Für Franz könnte gelten: Folge nicht mir, folge dem nach, dem ich auch folge, aber als Du selbst!
Eine Frage stellt sich dabei: Was ist eigentlich Religion? Um nicht in abschweifende Exkurse zu geraten, hier nur wiederum die wunderbar auf den Punkt gebrachte Auskunft Hermann Hesses, dem entlaufenen Pietisten, der in seinen Texten mit viel Eigensinn beständig spirituelle Selbst- und Welterkundung betreibt. In einem Brief vom Januar 1957 über sein Gedicht "Stufen", diesem Lob der Metamorphose, in der jedes Ende zum Neuanfang wird, aber jeder Anfang auch schon das Ende in sich trägt, schreibt er - mit einem gewissen Furor - an einen von ihm Rechenschaft fordernden Wissenschaftler: "Die Religionen und Mythologien sind, ebenso wie die Dichtung, ein Versuch der Menschheit, eben jene Unsagbarkeiten in Bildern auszudrücken, die Ihr vergeblich ins flach Rationale zu übersetzen versucht."
Im folgenden will ich einige Facetten der Person Franz von Assisis und seiner Wirkung benennen: schlaglichtartig, fragmentförmig, unsystematisch, unordentlich. Es sind nur Anstöße, um Zusammenhänge in der Zeitsituation zu verstehen, muss man selber nachlesen, über das Thema nachdenken, meditieren - und das braucht Zeit. Und was dann herauskommt ist ein Bild unter anderen Bildern von Franz von Assisi - womöglich auch gegen diese stehend, denn man nimmt sich immer selbst mit seinem Leben, seinen Erfahrungen mit in den Prozess der Erkenntnis hinein, der nie abgeschlossen ist. (Abschließende Antworten also gibt es im folgenden keine, kann es nicht geben, nur immer wieder neu formulierte Fragen.)
Durch oder trotz Legendenbildung und Verklärung? Diese Instrumentalisierungsabsichten gab es natürlich immer. Aber ebenso die Bilderfolge von Giotto, die ein neues Bild der Natur und des natürlichen Menschen zeigt. Einen Heiligen ohne Heiligenschein – und ohne byzantinischen Heiligenschein - einen einfachen Menschen in seiner primitiven Kutte, der den Vögeln predigt. Kurz zuvor wäre das noch als Blasphemie verketzert worden.
Die Widersprüche rund um die Figur Franz von Assisis treten bereits im Zuge der Institutionalisierung der Brudergemeinschaft zum katholischen Orden hervor und sind seitdem nicht einfach aus der Welt zu schaffen. Sie sind von Anfang an nicht bloß umstritten, sondern geradezu umkämpft – darüber, was seine Botschaft eigentlich ist, streiten sich die Geister bis heute. Und wir stoßen dabei auf die Frage, wie eine Idee wirkmächtig wird. Indem sie die Massen ergreift? Aber dass dabei dann zumeist Ideologie - also verkehrtes Bewusstsein - herauskommt, das hat nicht erst das 20. Jahrhundert uns gelehrt. Hält man aber die ursprüngliche Idee "rein" - vermag sie dann noch über einen keinen Kreis von Eingeweihten hinaus zu wirken? Wüssten wir noch etwas von Franz von Assisi, wenn sich die Kirche ihn und seine subversiven Ideen von Frieden und Armut n i c h t einverleibt hätte? Wohl kaum. Die Idee also wurde immer wieder beschädigt, verschlissen, missbraucht - aber sie überdauerte doch.
Dennoch muss man nun fragen, was sind denn überhaupt die authentischen Ideen des Franz von Assisi und was können wir sicher über sein Leben sagen?
Das ist zuerst eine Frage der Quellen. Heute sind etwa ein Dutzend Lebensbeschreibungen Franz von Assisi bekannt, die jedoch alle erst nach seinem Tod erschienen, die erste von Paul Celano zur Heiligsprechung erschien 1228, zwei Jahre nach seinem Tod. Die anderen kamen dann nach und im Laufe des 13. Jahrhunderts, die späteren Autoren kannten Franz von Assisi gar nicht mehr - und oft hat man den Eindruck der oder die Autoren würden aufeinander reagieren, sich gegenseitig antworten, sich oft in dem, was sie sagen, bestreiten. Da wird es dann überaus widersprüchlich und folglich erst interessant.
Der Streit um die Franziskus-Quellen beginnt mit aller Heftigkeit als 1893 ein Buch erscheint, das den Titel trägt "Das Leben des heiligen Franziskus" ("Vie de saint Francois"). Autor ist ein Franzose, der evangelische Pfarrer Paul Sabatier. In der Einleitung seines Buches schreibt er: "In der Tat wurde damals der ernstliche Versuch einer religiösen Revolution unternommen; von Erfolg gekrönt, hätte er zum allgemeinen Priestertum, zur Verkündigung der Gewissensrechte jedes Einzelnen führen müssen. Er ist gescheitert..." Für ihn ist Franz eine Art früher Protestant, der in seiner Unmittelbarkeitsbeziehung zu Gott keine äußere Glaubensvermittlung durch Kirche und Dogmen mehr benötigt. Das ist richtig, aber nicht alles.
Dann wendet Sabatier in seinem Buch das Prinzip Quellenkritik auf Franz von Assisi nicht bloß an - sondern er sucht auch selbst nach neuen Quellen in alten Klosterbibliotheken. Und er wird fündig, findet mehrere bislang unbekannte, ober während der Jahrhunderte vergessene Franziskusviten. Deren wichtigste ist zweifellos die "Dreigefährtenlegende", die Sabatier 1901 herausgibt. Wann sie genau entstand ist unter Experten umstritten, vermutlich erst nach 1263, nachdem Ordensgeneral Bonaventura seine Legenda Major zur einzig gültigen Lebensbeschreibung hatte erklären lassen und alle anderen früheren Lebensbeschreibungen daraufhin vernichtet werden sollen. Bruder Leo lebte da noch im Verborgenen, denn die frühen Weggefährten waren allein schon dadurch gefährdet, dass sie Franz noch gekannt hatten. Bruder Leo fühlte sich berufen, seine Erinnerungen an Franz festzuhalten. Die "Dreigefährtenlegende" ist wie die erste Lebensbeschreibung von Paul Celano (er schreibt dann noch eine zweite, in der Mensch weiter zurücktritt und der Heilige hervortritt) relativ frei von beschriebenen Wundern. Zum Wundertäter gleich Jesus wird Franz von Assisi erst durch Bonaventura.
Glücklicherweise gab es auch ungehorsame Brüder, die begannen die gefährdeten Dokumente zu verstecken, damit sie nicht vernichtet werden konnten. Darum ist die Klosterbibliotheksszenerie in Umberto Ecos
Einige der Manuskripte waren so gut versteckt, dass man sie erst nach Jahrhunderte fand - oder sogar bis heute nicht gefunden hat. Über Franz von Assisi zu sprechen heißt a u c h über die kriminellen Aktivitäten der Institution Kirche zu sprechen, der Machterhalt alles war. Es gehört schon viel Unverfrorenheit und Demagogie dazu, aus einem Prediger von Armut und Askese ein Aushängeschild von Macht und Größe der Kirche zu machen. Man denke daran, dass jene Ordensregel, die Franz von Assisi, nachdem die erste 1209 nur mündlich bestätigt wurde, also provisorisch blieb, denn allein eine regula bullata, also eine mit der päpstlichen Bulle bestätigte Regel hatte Gültigkeit. Lange Zeit arbeitete Franz an einer solchen Ordensregel, die der Papst mit Bulle bestätigen sollte. Der Zulauf zu den Franziskanern war enorm, endlich sahen die Laien für sich einen Form ihren Glauben zu leben. Die alten Orden waren Orden von Theologen, Priestern, sogar der andere neue Reformorden, der mit den Franziskanern entstand, die Dominikaner, war ein Priesterorden. Die religiösen Laien zog es alle zu Franz von Assisi. Der Vatikan sah darin natürlich mit Recht ein Sicherheitsrisiko, evangelisches Denken stand per se unter Häresieverdacht. Also schickte man Franz einen Berater, den Kardinal Hugolin (oder auch Ugolino), der "Protektor" des neuen Ordens in Rom sein wollte (und sollte). Er wurde schließlich nach all der Strippenzieherei als Gregor IX. neuer Papst.
Und noch jemand tritt auf, ein Mann namens Elias. Franz befindet sich 1221 im Orient und in seiner Abwesenheit übernehmen die neuen Provinzialminister de facto die Macht im Orden. Alles was Franz ablehnte wird nun durchgesetzt, Ordnungselemente der alten Orden: vor allem das Noviziat, Guardiane als Hausvorsteher sind de facto Äbte, die Hierarchie blüht auf. Man kann nun auch den Orden, der keine Brüdergemeinschaft mehr ist, nicht mehr einfach verlassen. Flucht wird nun bestraft. Und Elias will an die Spitze des Ordens! Franz zieht sich halb von der Ordensleitung zurück, halb wird er zurückgedrängt. „Abweichler“ wie der frühe Weggefährte Franz von Assisis, Cäsarius von Speyer, der die deutschen Ordensprovinzen gegründet hatte, ist dann eines der ersten Opfer der Verfolgungswut der neuen Oberen im Orden. Er wird 1239 von anderen Franziskanern ermordet.
Als Franz seine Ordensregel, die er der Minoriten-Gemeinschaft gleichsam als Erbe und Auftrag hinterlassen will, beendet hat, übergibt er sie seinem Nachfolger Bruder Elias, der sie in Rom vorlegen soll. Doch leider, leider verliert Bruder Elias das Manuskript, es ist bis heute verschollen. Stattdessen entsteht nun eine weitere Regel – unter „Mithilfe“ von Elias - die der Papst 1223 durch eine Bulle bestätigt.
Da ist Franz längst aus dem Spiel um Macht und Einfluss, hat sich auf den Monte Alverno zurückgezogen - aber auch hier wird er beobachtet, man könnte auch sagen bewacht. Dieser Elias, ein machtpolitisches Stehaufmännchen, der in der Folge immer mal wieder geächtet wird, aber auch immer wieder auf die Bühne zurückkehrt, ist ein Renaissancetyp. Er lässt die Prachtkirche über dem Grab Franz von Assisis errichten - eine Verhöhnung der Ideen Franz von Assisis, aber als architektonische Leistung mit Ober- und Unterkirche auch wieder beachtlich. Und selbst als er in die Quasi-Verbannung nach Cortona geschickt wird, lässt er dort noch eine riesige Kirche bauen. Ein Baumeister mit Sinn für Intrigen also. Welch politischer Sumpf, in den wir hier nicht ganz und gar geraten wollen, aber seine Dauerpräsenz sei angemerkt.
Doch kehren noch einmal zu den Anfängen Franz von Assisis zurück, zu den Stufen seiner religiösen Bekehrung. Es sind Stufen der Wandlung. Der Vater ist im Tuchhandel – an der der Schwelle zum 13. Jahrhundert bedeutet dies nun auch Fernhandel – reich geworden. Der jugendliche Francesco, der nur eine rudimentäre Schulbildung besaß, zwar lesen konnte aber nicht mochte, gilt mit siebzehn-achtzehn Jahren im väterlichen Geschäft als Verkaufstalent und beginnt das Leben eines Dandys zu führen. Celano eins hebt an: "Es war ein Mann in Assisi, einer Stadt im Gebiet des Spoleto-Tales, mit Namen Franziskus, der von früher Jugend an von seinen Eltern nach den eitlen Grundsätzen der Welt hoffärtig erzogen, ihr jämmerliches Leben und Gebaren lange Zeit nachahmte. ...Alle bewunderten ihn, und alle wollte er übertrumpfen in Prunk und eitler Ruhmgier, in Scherzen, Späßen und Schnurren, in Wortgetändel und Liedern, in weichlichen und wallenden Kleidern, weil er sehr reich war; doch nicht geizig, sondern verschwenderisch, kein Anhäufer von Geld, sondern ein Verschleuderer des Reichtums, ein umsichtiger Kaufmann, aber leichtfertiger Verteiler; dabei war er jedoch ein sehr freundlicher, gewandter und leutseliger Mensch, wenn auch zu seinem Schaden; denn viele liefen ihm gerade deswegen nach, die Beifallklatscher bei bösen Streichen und Anstifter von Verbrechen. So schritt er einher, umringt von einem Schwarm von Bösewichtern; stolz und hochfahrend nahm er seinen Weg mitten durch die Straßen Babylons." Ein Vertreter der neuen bürgerlichen Oberschicht Assisis mit all den ärgerlich asozialen Begleiterscheinungen der Supereichen - das ist Franz vor seiner Bekehrung.
Der Ordensgeneral Bonventura fängt - dreißig Jahre später – seine Vita ganz anders an. Für ihn leuchtet von Anfang der Heilige aus dem jungen Franceso: "In der Stadt Assisi lebte ein Mann namens Franziskus. Sein Andenken ist gesegnet, weil Gott in seiner Güte ihm mit reichsten Segen zuvorkam, ihn in seiner Barmherzigkeit den Gefahren des gegenwärtigen Lebens entriss und ihn in seiner überfließenden Güte mit himmlischen Gnadengaben erfüllte. Denn als er in seinen Jugendjahren noch unter eitlen Menschkindern weilte, für die eitle Welt erzogen und nach einiger Schulbildung für den einträglichen Beruf eines Kaufmanns bestimmt ward, gab er doch, inmitten seiner ausschweifenden Jugendgefährten und bei aller ausgelassenen Fröhlichkeit, n i c h t dem Drängen des Fleisches nach, n o c h setzte er, inmitten erwerbsgieriger Kaufleute und bei allem Streben nach Gewinn, seine Hoffnung auf Geld und Schätze." Da also sitzt der kleine Heilige schon fertig da, eine Umkehr, Buße etwa ist nicht nötig. Das die scholastisch-katholische Lesart, eine Heiligenlegende jener Art, die etwas vom "Opium fürs Volk" hat, wie die Religionskritiker seit Ludwig Feuerbach und Karl Marx sagten.
Die prägende Kriegserfahrung die Franz zu einem Prediger des Friedens macht, lässt ihn in seinem Testament, das er kurz vor seinem Tod schrieb, das aber die Ordensoberen nicht wie gefordert veröffentlichten, sondern geheim hielten, fordern, die Brüder sollten sich untereinander begrüßen: "Der Herr gebe dir Frieden!" Das passte der Kurie nicht, die im 13. Jahrhundert immer gerade in einem Kreuzzug steckte. Der Frieden sollte erst dem Sieg folgen, war ihre Devise.
Anfangs noch ohne es recht zu wissen. Aber sein Weltbild hat die Selbstverständlichkeit verloren, ein Riss geht nun mitten durch dieses hindurch. Er hat mehr Fragen als Antworten, sucht eine neue Orientierung – sieht die Außenseiter, die zahlreichen Underdogs mit anderen Augen – und hört dann in der Kirche von San Damiano plötzlich eine Stimme, die zu ihm spricht, er solle Gottes Haus wieder aufbauen. Und er beginnt, die kleine Portiunkula-Kapelle mit eigenen Händen zu renovieren. Hört Franz Gottes Stimme oder die seines Gewissens?
G.K. Chesterton sieht in seiner – im launigen Ton verfassten - Franziskus-Biographie die plötzliche Wandlung des jungen Francesco probeweise mit den Augen der misstrauischen Bürger von Assisi. Da fängt einer plötzlich an, Geld aus der Geschäftskasse zu nehmen und auch Waren auf eigene Rechnung zu verkaufen. Was soll man davon halten? Chesterton: „Der junge Narr oder vielmehr der junge Lump wird dabei ertappt, wie er seinen Vater beraubt und die Waren verkauft, welche er hätte behüten sollen; und die einzige Erklärung, die er geben will, ist die, daß eine laute Stimme von nirgendher ihm ins Ohr befahl, die Brüche und Löcher in einer ganz bestimmten Mauer auszubessern. Hierauf erklärt er sich natürlich als unabhängig von allen Gewalten, die heute der Polizei oder den Behörden entsprechen und stellt sich unter den Schutz eines liebenswürdigen Bischofs, der ihm Vorstellungen machen und sage muß, daß er im Unrecht sei. Hierauf geht er soweit, sich öffentlich seiner Kleider zu entledigen und sie seinem Vater gewissermaßen an den Kopf zu werfen, indem er gleichzeitig erklärt, daß sein Vater überhaupt nicht sein Vater sei. Dann läuft er in der Stadt herum und ersucht jeden, den er trifft, ihm Abbruch- oder neues Baumaterial zu geben, augenscheinlich mit Bezug auf seine alte fixe Idee vom Ausbessern der Mauer. Es mag schön und gut sein, daß Mauern, die einen Bruch haben, wieder ausgebessert werden, aber lieber doch nicht von jemand, der selber einen Knacks hat, und bauliche Restaurierungen werden von den Baumeistern nicht zum besten ausgeführt, bei denen selber eine Schraube locker ist. Schließlich verfällt der bejammernswerte junge Mann in einen Zustand von Zerlumptheit und Schmutz und kriecht sozusagen in die Gosse.“ Der Beginn des Weges eines Gottsuchers in Gestalt eines Verrückten, vielleicht auch eines Narren.
Die Kriegszeit, die Zeit im Kerker von Perugia, kommt bei Bonaventura gar nicht vor. Celano widmet sich ausgiebig dem Streit in der Familie vor allem mit dem Vater und seiner Mutter, die ihm jedoch hilft, als ihn der Vater, weil sein Sohn verrückt geworden sei, im Keller einsperrt. Sie lässt ihn frei. Franz stellt sich nun unter den Schutz des Bischofs, eine symbolische Schlüsselszene, bei Celano in all ihrem Realismus geschildert. Als der Vater sein Eigentum von ihm zurückfordert, zieht er sich vor allen Schaulustigen, die ihn umringen, aus. Celano: "Nicht einmal die Hose behielt er zurück, vollständig entblößte er sich angesichts aller." Da reicht ihm der Bischof seinen Mantel, seine Blöße zu bedecken - und das ist der Moment, in dem sich Franz unter den Schutz der Kirche begibt.
Es gibt aufschlussreiche Szenen, sehr realistisch bei Celano geschildert etwa seine Begegnung mit einem Aussätzigen. Aussatz, also Lepra, war im Mittelalter sehr verbreitet und führt dazu, dass die Menschen bei lebendigem Leibe verfaulten, was mit einem furchtbaren Gestank verbunden war. Franz ekelt sich bei allem Mitleid, er kann das nicht riechen, ihm wird übel. Er hält sich die Nase zu, aber das hilft nichts. Und doch macht er einen Schritt hin zu einem jener Ausgestoßenen, die mit einer Klapper auf ihr Nahen aufmerksam machen müssen. Er überwindet sich, gibt ihm, so heißt, den Bruderkuss. Ausführlicher wird Celano nicht, das macht ihn glaubwürdig - ganz anders bei Bonaventura, der die Szene auf das unangenehmste, geradezu schwülstig, ausschmückt. Da heißt es dann, Franz "küsste in wunderbarster Ergriffenheit ihre eitrigen Wunden". Ja, und er heilt schließlich auch die Aussätzigen. Als Heiliger im Mittelalter muss er Wunder tun. Über einen bereits totkranken Aussätzigen heißt es bei Bonaventura: "Als aber Franz, der Diener der Aussätzigen, in staunenswertem Erbarmen jene schreckliche Wunde mit seinem heiligen Munde berührte, wich jene Krankheit plötzlich, und der Kranke erlangte die ersehnte Gesundheit wieder." Hier wird banaler religiöser Kitsch verbreitet - das hat nichts mehr mit jenem subversiven Franz von Assisi zu tun, der die Rückkehr zur armen Kirche predigte. Genau diese Armut der Kirche, ihr Machtverzicht, soll nun aus dem Gedächtnis gelöscht werden.
Ein etwas theoretischen Einschub, aber er ist kurz:
Der Religionssoziologe Ernst Troeltsch unterscheidet in sein "Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen" drei Erscheinungsformen von Religiosität – Kirche, Sekte und Mystik. Naheliegender Weise gehört Franz von Assisi zu den Mystikern. Denn die Kirche ist eine Institution äußerer Glaubensvermittlung, mittels Dogmen, Tradition und einer Vielzahl von Regeln, einer ganzen Hierarchie von Priestern, Bischöfen und – im Katholizismus – bis hin zu den Kardinälen und zum Papst an der Spitze der feudalen Glaubensinstitution, die sich jedoch erstaunlich reibungslos mit der kapitalistischen Geldwirtschaft ins Benehmen setzte.
Für Franz von Assisi war – schlicht gesagt - das Aufscheinen des göttlichen Geistes in der Kirche durchaus möglich, nicht ausgeschlossen jedenfalls, darum war die Kirche nicht sein Feind, obwohl er ihre Tendenz zur Veräußerlichung strikt ablehnte. Die Sektenform ist für Troeltsch die der radikalen Gegenkirche, eifrig in Glaubensgeboten bis zum Fanatismus. Im 12. Jahrhundert tritt sie etwa in Gestalt der Katharer (der Reinen, was dann zur Eindeutschung Ketzer führt), nicht ganz so radikal bei den Waldensern, die ähnlich wie Franz von Assisi die arme Kirche der ersten Christen als Vorbild für ihr eigenes Leben nehmen und viele andere gegenkirchlichen Gruppen, von denen nicht wenige den Papst auf dem Thron in Rom als reinen Anti-Christ bekämpfen. Für die Sekten zählt nicht die Institution, sondern die Schrift als Glaubensvermittler, sie galt es möglichst streng auszulegen. Im Protestantismus war es dann etwa der Pietismus, der als protestantische Sekte – nach Max Weber – den Geist der Bibel mit dem des entstehenden Kapitalismus im 17. Jahrhundert erfolgreich zusammenbrachte. Hier entstand der Leistungsgedanke, jeder sollte sich über sein Tun vor Gott Rechenschaft geben, Müßiggang – vita contemplativa - ist Sünde und Zeit Geld – so der moderne Geist der Effizienz, der in dieser Melange von Bibel und Kapital zur Herrschaft gelangt.
Dagegen blieb die Mystik immer eine Angelegenheit Einzelner, die ihre Unmittelbarkeitsbeziehung zu Gott auf dem Weg der Verinnerlichung fanden. Mystiker brauchen weder die Institution noch die Schrift, sie stoßen sich auch nicht an ihr – sie gehen nicht darüber hinweg, sondern einfach durch sie hindurch. Sie unterhalten ihr ganz eigenes - oft stotterndes - Gespräch mit dem göttlichen Geist, der wie bei Meister Eckhart ein Geistfunke auf dem Grunde der eigenen Seele ist. Oder um mit einem berühmten Schuster zu sprechen, ich meine jetzt nicht Heini Staudinger, sondern Jakob Böhme, den Mystiker und Schuhmacher aus Görlitz, der 1612 „Aurora oder die Morgenröte“ schrieb. Er fragt darin, wie der Geist in uns geboren wird. Oft unter Schmerzen, unter die sich Freudenfunken mischen.
Franz von Assisi ist kein Feind der Kirche, er arbeitet nicht im Verborgenen am Siegeszug einer Gegenkirche, er ist kein Fanatiker, sondern ein Mystiker. Ebenso versteht er sich nicht als kommender Mann der Kirche, seine unio mystica funktioniert anders, ganz und gar entmilitarisiert. Wenn Gott in allen Dingen wohnt, dann vielleicht sogar in der Kirche!, ist seine Auffassung. Er behandelt die Glaubensinstitution wie alle äußeren Dinge um sich herum: als gleichgültig für jene unmittelbare Geistbeziehung zwischen Mensch und Gott, um die es ihm geht. Kein Grund zur Feindschaft, so denkt er - aber andere, Amtsinhaber vor allem, sehen im urchristlichen Anspruch die Gefahr des Umsturzes.
Max Beer wird in seiner 1924 erschienenen "Allgemeinen Geschichte des Sozialismus" die schnell auf dem Index der orthodoxen Kommunisten gelangte, den Dienst an Armen, Kranken und Aussätzigen, den Franz von Assisi forderte, mit Matthäus X, 7-10 so begründen: "Gehet und prediget und sprechet: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Machet die Kranken gesund, reinigt die Aussätzigen, wecket die Toten auf, treibet die Teufel aus. Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe (!), auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert."

Auf einmal geht es darum, ob man wirklich als guter Christ lebt, oder bloß ein Pharisäer ist. Jeder muss mit sich selbst ins Gericht gehen.
Und die "apostolische Linke", vor allem durch die Laien, die Franz in seine Bruderschaft aufnimmt, erlebt einen ungeheuren Aufschwung. Der neue Mensch ist da - im Geiste einer neuen Volksfrömmigkeit. Entscheidend ist dabei seine Besitzlosigkeit, denn bekanntlich geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt.
Aber schon beginnen die Probleme im Detail - ist Nutzung schon Eigentum? Gibt es Kollektiveigentum? Juristische Fragen stehen an und bald gibt es Rechtskundige unter den Franziskanern wie Marsilius von Padua (der das Volk zum gesetzgebenden Souverän erklärt) oder den Philosophen Wilhelm von Occam, der mit dem Nominalismus das Einzelne philosophisch zum Thema macht. Da wird dann aus dem Allgemeinen als bislang aufgefasster Wesenheit eine bloße Übereinkunft Einzelner, eine Konvention, die sich jederzeit ändern lässt. Sondereigentumsformen wie das Nießbrauchrecht entstehen, von dem die Franziskaner dann später reichlich Gebrauch machen. Man kann damit Gegenstände, Land und Gebäude nutzen, ohne formell ihr Eigentümer zu sein. Jetzt versteht man auch den Satz von Jacques Le Goff: "Diesen franziskanischen Kontrapunkt braucht auch die moderne Welt."
Es war der Franziskaner Johannes Duns Scotus (ein früher Heidegger-Typ, der Franz von Assisi nicht gefallen hätte), der große Antipode Thomas von Aquins, der über Gemeinbesitz, Zivilrecht und Handel nachdachte, mit dem von Max Beer so formulierten Ergebnis: "Handel und Verkehr sind der Gesellschaft nützlich, deshalb sind sie auch legitim. Die Vorteile des Handels dürfen jedoch nicht zu Zwecken der Bereicherung benutzt werden. Die Aufkäufer und Preistreiber sind eine Gefahr für die Gesellschaft."
Mit Franz von Assisi öffnet sich diese Tür, anders über Gemeinbesitz und Zivilrecht nachzudenken. Das weltliche Gesetz ist nun endgültig vom göttlichen unterschieden. Franz selbst folgt niemals einem abstrakten Prinzip, sondern wendet sich den einzelnen Menschen, seinem unmittelbaren Gegenüber zu - und sei dieser noch so unwürdig und abstoßend wie ein Lepra-Kranker im Endstadium, der mit einer Klapper auf sein Nahen aufmerksam machen muss. Der Bruderkuss, den Franz ihm gibt, bezeugt eine neue Solidarität mit jenen, die sonst alle meiden. Als Sohn aus gutem bürgerlichen Hause ist er empfindlich gegen schlechte Gerüche. Doch erträgt er es nicht, Gottes Geschöpfe im Zustande der - inneren wie äußeren - Zerstörung zu erleben, fordert Demut vor dem Leiden, das diese Gequälten mit Jesus verbindet.
Askese als Mittel, Gleichheit herzustellen, ist im 13. Jahrhundert kein neues Konzept, als Massenbewegung jedoch durchaus. Als individueller Weg zum sinnhaften Leben findet es sich bereits bei den antiken Philosophen. Besonders bei Kynikern wie Diogenes im 4. Jhr. v. Chr. gehört ein Minimalimus der äußeren Lebensführung zur gelebten Weisheit. Von Diogenes existiert die Legende, dass er - ohne festen Wohnsitz - in einer Tonne auf dem Marktplatz von Athen hauste und das geschäftige Treiben um sich herum mit den Worten kommentierte:
Ein Satz, der mitunter auch Sokrates und Aristoteles zugeschrieben wird - was die verbreitete Askese-Haltung in materiellen Dingen unter antiken Philosophen zeigt.
Ein Anschlag auf die Konsumideologie des Immer-mehr-und-immer-Neu bis heute. Was brauche ich wirklich mitten im Überfluss?, so die Frage, die mit Franz von Assisi plötzlich aus akademischen Zirkeln heraus zu einer gesellschaftlichen Selbstverständigung grundsätzlicher Art wird. Nach welchen Werten wollen wir zusammenleben?
Hier entstehen unweigerlich Missverständnisse. Manche halten etwa die Verszeile des jungen Rainer Maria Rilke "Armut ist ein großer Glanz aus Innen" (1903), wie man sie im "Stunden-Buch" findet, für den Ausdruck einer reaktionärer Haltung. Will der Autor damit einen bestehenden Status quo in Sachen Verteilungsungerechtigkeit rechtfertigen? Die einen trinken Wein, die anderen Wasser - der Lohn für die Entsagung der vielen folgt dann später im Himmelreich? Sollte die sozialreformerische Lesart gegenüber diesem Zynismus nicht heißen: Überwindet die Armut, lasst alle am Reichtum teilhaben?
Rilke aber hat sehr genau das Menschenbild Franz von Assisis vor Augen, der wiederum dem "armen Christus" der urchristlichen Gemeinden folgt. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts ist eine solche Haltung höchst subversiv: Die Kirche als Glaubensinstitution steht auf dem Höhepunkt ihrer weltlichen Macht und ihres Reichtums. Sie expandiert und rüstet einen Kreuzzug nach dem anderen aus. Und doch trotz imperialen Gebarens weiß Papst Innozenz III. sie in einer schweren Sinnkrise. Denn das einfache Volk sieht in den Priestern und Bischöfen immer weniger die Nachfolger Jesu, sondern bloße Interessenvertreter der Obrigkeit. Radikale Ketzerbewegungen wie die Katharer erblickten im Klerus - und dem Papst an der Spitze der Kirche! - gar den Antichrist, der den Geist von Jesus Christus aus der Kirche vertreibt. Die Kirche droht gänzlich ihre geistliche Legitimation zu verlieren, den Priestern schlägt immer häufiger offener Hass entgegen.
In dieser Situation kommt Franz von Assisi 1209 mit der Botschaft einer armen Kirche nach Rom zu Papst Innozenz III.. Ist er ein Ketzer (als solchen hatte man Petrus Waldus behandelt, der zuvor mit der gleichen Botschaft auftrat) - oder könnte er zum Retter der krisenhaften Kirche werden? Doch ein Moralist an der Spitze einer Bußbewegung lässt Militanz befürchten. Immerhin, er bittet den Papst demütig um die Erlaubnis zur Wanderpredigt und kommt ihm nicht mit Forderungen. Ein umgänglicher Mensch, so scheint es. Er will niemandem etwas wegenehmen, seine Armut ist freiwillig und freudvoll zugleich.
Seine und die seiner Begleiter Absicht ist es, als Minderbrüder (frater minores) dem Volk das Evangelium zu predigen. Denn dieses verkündet die Kirche in dieser Zeit nicht mehr, man predigt überhaupt kaum - und wenn dann nur in lateinischer Sprache, die das Volk nicht versteht. Für Franz soll die Kirche wieder werden wie Jesus sie wollte oder sie ist überflüssig, dem Wort Gottes schädlich! Der Erfolg der frühen Franziskanerbrüder liegt genau darin: mindere Brüder zu sein, die weniger und nicht mehr sein (oder gar haben wollen) als alle anderen.
Franz von Assisi erhebt den nackten Menschen zum Nachfolger Jesu - und zum Symbol der Friedfertigkeit. Dem Vater, der seinen Aussteiger-Sohn mit aller Macht disziplinieren will, wirft er - in Gegenwart des Bischofs - seine Kleidung vor die Füße. Der Bischof hüllt den Nackten in seinen Mantel. Eine Schlüsselszene. Da lässt einer sein altes Leben zurück, aber der Mantel der Bischofs, mit dem er seine Blöße bedeckt, ist auch eine Geste der Bemächtigung durch die Institution. Am Ende, als er am 3. Oktober 1226 stirbt, verlangt er nackt auf dem steinernen Boden der Portiunkula-Kapelle zu liegen, das war im Jahre 1226 dann schon eine die Konventionen störende Peinlichkeit. So liegt er und singt mit letztem Atem Loblieder auf Gott, sehr zum Ärger des neuen mächtigen Mannes im Orden Elias von Cortona, der ihn zurechtweist, solch Gebaren gehöre sich nicht für eine künftigen Heiligen der katholischen Kirche.
Die franziskanische Bewegung mit ihrer Aufforderung zu den brüderlichen und schwesterlichen Werten des Zusammenlebens der Anfänge zurückzukehren, ist zwischen 1209 und 1220 zu einer Massenbewegung angewachsen, mit einem heute kaum mehr vorstellbaren Zulauf. Die wandernden Brüder werden in den Städten wie Popstars empfangen, sie bringen Bewegung in das herrschende Wertesystem. Aus den zwölf Brüdern, die 1209 nach Rom pilgern sind in wenigen Jahren Zehntausende geworden!
Auch Franz von Assisi ist klar, dass eine so schnell anwachsende Bewegung anderer Regeln bedarf als eine Gruppe von einem Dutzend Brüdern, die in direktem Kontakt zu ihm stehen. Eine nun auch ins Ausland expandierende Bewegung braucht ein für alle verbindliches Regelwerk, eine feste Struktur. Die Bruderschaft ist auf dem Weg zum Orden - und Franz sieht das mit wachsender Skepsis. Eine ganze klerikale Funktionärsschicht bildet sich heraus.
Schließlich wird der kränkelnde Franz in die zweite Reihe abgeschoben und mundtot gemacht, die neuen Macher im Ordo Fratrum Minorum benutzen ihn wie eine Trophäe, die man vorzeigt. Längst kommt er nicht mehr zu Wort, angeblich hindert ihn eine Halskrankheit daran zu sprechen. Nun also sprechen andere in seinem Namen und der Ordo Fratrum Minorum wird zur Frischzellenkur für die altersmüde Kurie.
Bezeichnend ist, dass schon zu Lebzeiten von Franz von Assisi das Armutsgebot immer mehr unterminiert wird. Der neue starke Mann im Orden, der Franz zur Seite gestellt wird, Elias von Cortona, ist der Gegentypus zu Franz von Assisi. Er initiiert machtvolle Bauten wie den der Franziskuskirche in Assisi - ein steingewordenes Dementi der Ideale Franz von Assisis.
Was bedeutet Institutionalisierung einer ursprünglichen Idee? Verkehrung in ihr Gegenteil oder aber die Möglichkeit von Dauer, Zeit sich zu entwickeln - auch sich immer wieder zu korrigieren? Das wäre eine Reform, die das Ideal in Kontakt zur Realität bringt. Doch erst einmal passiert etwas anderes: die vollständige Verkehrung ursprünglicher Absichten! Aus Franz von Assisi, der den Widerspruch von Ketzer und Heiligem in sich vereinte, der den Großgrundbesitzer Kirche als unchristlich bloßstellte, ist in wenigen Jahrzehnten ein Ornament dieser Kirche geworden. Die Franziskaner werden zum Träger der Inquisition - sie jagen und vernichten Abweichler. Dass Brüder bevorzugt ihre Brüder im Namen eines Dogmas auf den Scheiterhaufen schicken - das zieht sich von hier aus durch die Revolutionsgeschichte über die Jakobiner 1794 in Paris bis zu den Kommunisten des 20. Jahrhunderts.
Lässt sich der ursprünglichen Geist in seiner institutionalisierten Wirkungsgeschichte überhaupt wachhalten? Ja, wenn man seine innere Widersprüchlichkeit kultiviert. Franz etwa ist nur insoweit ein Heiliger als er auch ein Ketzer ist - und umgekehrt.
Aber genau in dem Moment, da man sicher zu wissen meinte, dass Dogmen und Institutionen der Tod jeder lebendigen Idee sind, kommen Zweifel. Denn wohin triebe der wildwüchsige Geist durch die Jahrhunderte ohne eine ihn zähmende traditionell beglaubigte Ordnung? Das ist der immer wiederkehrende Einwand im Stile jener Großinquisitorlegende, wie sie sich in Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" findet. Der alte Inquisitor sagt zu dem auf den Erde zurückkehrenden Jesus: Warum bist du gekommen, uns zu stören?!" Er solle verschwinden, sonst lasse man ihn als Ketzer verbrennen. Das ist der Zynismus von Institutionen. Aber die Reihe der Störer der herrschenden Ordnung, der Zeugen der Wahrheit - von Jesus bis Franz von Assisi, von Martin Luther King bis Julian Assange - endet ebenfalls nicht.
Der Ordensgeneral Bonaventura schreibt eine vor Wundern strotzende Heiligenlegende Franz von Assisis, die legenda major und verbietet sämtliche früheren Lebensbeschreibungen (darunter die beiden sehr aufschlussreichen von Celano), diese sollen aus den Bibliotheken entfernt und verbrannt werden. Einige der Abschriften aber überdauern in Verstecken. Noch leben einige der alten Gefährten der Wanderjahre mit Franz, sie verbergen sich in abgelegenen Klausen. Bruder Leo etwa stirbt erst 1271 mit 76 Jahren.
Doch die sich der "heiligen Armut" verpflichtet wissenden Brüder der ersten Stunde wissen, dass sie Zeugnis ablegen müssen gegen die Verwandlung Franz von Assisis in einen katholischen Heiligen vor Goldgrund statt der lebendigen Natur. Sie schreiben mit der Dreigefährten-Legende die Geschichte der franziskanischen Anfänge, ihrer ursprünglichen Absichten - und verstecken die Abschrift so gut, dass sie erst Jahrhunderte später gefunden wird.
In seinen letzten Lebensmonaten hält sich Franz in der Einsiedelei auf dem Monte Alverno auf, er diktiert ein Testament, worin er die "heilige Armut" preist und von den Brüdern fordert, sie müssten arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nur eine Ausnahme lässt er zu: "Und wenn uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben würde, so wollen wir zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen und um Almosen bitten von Tür zu Tür."
Er weiß, dass man ihn von seinen Brüdern abschirmt, kämpft mit Dämonen (sprich: Depressionen) und denkt sogar an Selbstmord. Im letzten Moment, bevor er sich von einem Felsen in die Tiefe stürzen wollte, so berichtet er, sei ihm ein Engel erschienen, der ihm dies verbot.
Die von Elias – zusammen mit Kardinal Hugolin - betriebene Heiligsprechungsmaschine arbeitet bereits auf Hochtouren. Man unterschlägt das Testament Franz von Assisis und setzt statt dessen die Legende der Stigmata (der Wundmale Christi), die sich bei Franz ausgebildet hätten, in die Welt. Franz selbst flüchtet derweil in die Gegenwelt der Poesie. Sein "Sonnengesang" bezeugt deren Kraft bis heute.
Es wird darin ein herrschaftsfreies brüderliches und schwesterliches Verhältnis zu allen Dingen um uns beschworen, zu den belebten wie den unbelebten. Es ist Gebet und Gesang eines Troubadours zugleich. Franz schrieb ihn im Winter 1224/25 als er krank in einer Hütte bei San Damiano lag.
Darin heißt es:
Es ist ein Lobpreis der Schöpfung, die es mit Geist und Sinnen zu feiern gilt!
Das schreibt der bereits schwerkranke Franz. Aber kurz vor seinem Ende fügt er noch weitere Verse hinzu und die haben mit Krankheit und Tod zu tun. Auch sie gilt es zu bejahen und zu ertragen. Wahres Heldentum - im minoritischen Sinne - findet nicht auf dem Schlachtfeld statt, sondern im heroischen Versuch, trotz schwindender Kräfte, trotz Alter und Krankheit in Würde und Erkennbarkeit der letzten Stunde gefasst entgegen zu gehen.
Da lesen wir dann:
Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen / und Krankheit ertragen und Drangsal. / Selig sind jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.
Es geht also letztlich immer um moralische Qualitäten. Doch was ist mit der Rede vom "zweiten Tod" gemeint? Der erste Tod ist der des Leibes, er ist unvermeidlich und zumeist unverschuldet. Aber der zweite Tod hängt mit unserem Verhalten zusammen, zeigt, wes Geistes Kind wir sind. Der zweite Tod ist selbst verschuldet, er betrifft unsere Seele - für Franz führt dieser zweite Tod direkt in die Verdammnis.
Was wird aus der "heiligen Armut", auf der der Erfolg der franziskanischen Bewegung beruhte? Fünf Jahre nach dem Tod Franz von Assisis entsteht die Inquisition als blutige Mordmaschine gegen Abweichler - an deren Spitze stehen vor allem Franziskaner. 1323 wird die Auffassung, Christus und die seinen hätten kein Eigentum besessen von Papst Johannes XXII. (gest. 1334) für Ketzerei erklärt - jeder, der diese Auffassung vertritt, wird der Inquisition übergeben und als Feind der Kirche verbrannt.
Doch die Utopie der "heiligen Armut", der Eigentumslosigkeit als Basis gesellschaftlicher Gleichheit, ist fortan in der Welt und überdauert als Stachel im Fleisch allen profitorientierten Strebens. Sie ist jener "Kontrapunkt", den die profit- und konsumorientierte Welt von heute so dringend braucht.
Der französische Schriftsteller Julien Green, dessen Buch "Bruder Franz" ich allen ans Herz lege, schreibt: "Er wollte das Evangelium nicht auf menschliches Maß zurechtstutzen. Er wollte nicht ´vernünftig´ sein. Er gehört zu jener Art von Menschen, die ´nichts wissen wollen´, die keinen Kompromiss kennen. Zu ihren Lebzeiten werden sie schließlich von der Welt zerbrochen, aber sie wirken über ihren Tod hinaus. Franziskus ist heute lebendiger denn je, während die Großen seiner Zeit nur noch Schemen sind. Er wollte die Welt retten und hat die Hoffnung gerettet.